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Agnes
Liebsch
Die Via Giulia in Rom (ARCH)
Die Via Giulia in Rom. Urbane Strategien im Städtebau Roms in 15. und 16. Jahrhundert
Welche praktischen, ideologischen und ästhetischen Kriterien verfolgten Julius II. und sein Architekt Bramante mit dem Bau der Via Giulia - dem ersten großen städtebaulichen Eingriff eines Papstes in Rom?
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Via Giulia - dem ersten großen städtebaulichen Eingriff eines Papstes in Rom. Da nur wenige Teile des Projektes umgesetzt wurden, musste das Projekt zunächst anhand der bisherigen Forschungsergebnisse und der Quellen rekonstruiert werden. Danach suchte die Arbeit nach den urbanen Strategien, die Julius II. mit dem Projekt verfolgte. Wo lag der praktische Nutzen, den Julius aus den Planungen ziehen konnte? Welche ideologischen Überlegungen waren wichtig und welchen ästhetischen Kriterien und Vorbildern folgte der Architekt Bramante bei der Planung?

Julius II. gab im Jahr 1508 seinem Architekten Donato Bramante den Auftrag für ein zukunftsweisendes Projekt. Erstmals seit der Antike sollte in Rom eine gerade Straße errichtet werden. Ausgangspunkt des Projekts war ein gigantischer Palast, der verschiedene Gerichtshöfe beherbergen sollte, um ein neues administratives Zentrum zu bilden. Um die nötige Infrastruktur zu schaffen, war es notwendig, davor einen Platz zu errichten. An ihm sollten weitere administrative Einrichtungen angesiedelt werden. Der Platz sollte den Palast mit dem bestehenden Straßensystem Roms verbinden. Denn es war wichtig, dass man von allen Zentren der Stadt in kürzester Zeit zum Gerichtshof gelangen konnte. Die schnelle Verbindung zum Vatikan sollten die neue Via Giulia und eine neue Brücke, die Ponte Giulio, garantieren. Neben dem praktischen Nutzen waren auch ideologische Überlegungen für die Planung ausschlaggebend. Julius II. wollte nach antikem Vorbild ein christliches Weltreich aufbauen. Rom sollte als repräsentative Hauptstadt des neuen Reichs ausgebaut werden. Darum griff er in seinem Bauprogramm auf die antike Methode zurück, mittels Stadtplanung seinen politischen Einfluss zu zeigen. Ähnlich wie in der Antike die Foren, lässt Julius eine Platzanlage errichten, die das administrative und repräsentative Zentrum der Stadt darstellen sollte. Mit diesem Vorhaben stieß er jedoch auf Widerstand - und zwar bei denjenigen, die bisher die politischen Fäden in Rom zogen: dem Stadtadel.

Der Konkurrenzkampf zwischen Papst und Stadtadel um Rom zeigt sich in vielen Bereichen der Politik Julius' II. Er besetzte keine wichtigen Ämter mit Römern und schuf ein Schweizer Söldnerheer, das nun die Aufgabe des römischen Adels übernahm, für den Schutz des Papstes zu sorgen. In Anbetracht dieser Tatsachen muss man der Frage nachgehen, ob auch die Via Giulia in diesem Machtkampf eine Rolle spielte.

Die Wirkung einer Zentralisierung der päpstlichen Gerichte in einem Haus hätte zur Folge gehabt, dass ihre Stellung gegenüber den Gerichten der Stadt sehr gestärkt worden wäre. Denn das Umfeld, das Julius schuf - mit administrativen Einrichtungen wie der Cancelleria und den Bottegen sowie den raschen Verbindungen in alle Teile der Stadt -, hätte den päpstlichen Gerichtshöfen zu viel mehr Einfluss verholfen.

Interessant ist nun, wie Bramante den politischen Anspruch Julius' II. auf Rom im Projekt darstellt. Er setzt eine Sichtbeziehung, die einen deutlichen Hinweis auf den Auftraggeber geben sollte. Und zwar überraschenderweise nicht über die gerade Via Giulia, die einfach ins Leere weist, sondern über die angrenzende Via dei Banchi. Wenn man vom Platz die Straße entlangblickt, sieht man den Castel Sant'Angelo. Der Engel auf der Engelsburg stand seit Gregor dem Großen dafür, dass der Papst über die Stadt Rom wachte. Von Julius II. wissen wir, dass er auf der Engelsburg eine Loggia errichten ließ, von der aus er auf die Engelsbrücke, den Canale di Ponte bis hin zu seinem neuen Platz blicken konnte. Aber er achtete auch genau darauf, dass der Blick in die Gegenrichtung vom neuen Platz zur Engelsburg frei war. Er ließ um 1508 die Kirche S. Celso, die den Blick durch die Straße verstellte, einreißen und etwas zurückversetzt neu aufbauen. Bemerkenswert ist, dass das Projekt von der Straßensteuer finanziert wurde, die normalerweise eben nur für Arbeiten an Straßen und Plätzen verwendet wurde. Das ist ein wichtiges Indiz, dass der Abriss der Kirche der Freihaltung der Sichtachse dienen sollte. Die Wirkung auf die BesucherInnen des Platzes wäre mit Sicherheit beeindruckend gewesen. Denn stand man zwischen den beiden Palästen, hätte man am Ende der Via dei Banchi mit dem Castel S. Angelo einen sehr deutlichen Hinweis bekommen, wer für die Errichtung dieses Projekts verantwortlich war. Die Macht und der Einfluss des Papstes auf Rom wären so sehr deutlich demonstriert worden.

Umgesetzt wurde von all diesen Plänen nur wenig. 1511 geriet das Projekt ins Stocken: Geldnöte und politische Auseinandersetzungen mit dem römischen Stadtadel waren der Auslöser dafür. Nach dem Tod Julius' II. 1513 geriet es langsam in Vergessenheit.
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