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Elena
Kristofor
Über zeitgenössische Architekturfotografie (ARCH)
Über zeitgenössische Architekturfotografie. Zwischen Dokumentation und Interpretation, Original und Reproduktion, analog und digital
Der Fotograf kommt. Sie ist schon da. Er baut die Kamera auf. Sie bewegt sich nicht. Achtung! Er löst aus. Sie steht still. Das Foto ist gemacht. Der Fotograf geht. Sie bleibt. Unbeweglich.
Der Fotograf kommt. Sie ist schon da. Er baut die Kamera auf. Sie ist bereit. Er verschwindet hinter dem schwarzen Tuch. Sie bewegt sich nicht. Achtung! Er löst aus. Sie steht still. Das Foto ist gemacht. Der Fotograf geht. Sie bleibt. Unbeweglich.

Architektur stellt das perfekte Modell für FotografInnen dar. Sie hat viel Licht um sich. Sie bietet zahlreiche Blickwinkel und Details an. Und sie steht still. Vor allem in den Anfängen der Fotografie waren diese Eigenschaften von großem Vorteil, da technische Voraussetzungen noch nicht hinlänglich ausgereift waren. So zeigten die ersten Fotografien stets Architektur (Abb. 01), was zur Annahme verleiten könnte, die Geburtsstunde der Fotografie decke sich mit jener der Architekturfotografie, was jedoch schwierig zu vertreten ist. Die Hauptaspekte dieser Motivwahl waren die gute Ausleuchtung sowie die Starrheit. Auch heute sind architektonische Bauten ein beliebtes Motiv.

Fotografie stellt das fast perfekte Medium der Vermittlung und der Verbreitung der Architektur dar. Sie präsentiert das detailgenaue Abbild der Architektur im Taschenformat. Ihr Vorteil liegt von jeher in der Glaubwürdigkeit und dem Wirklichkeitsbezug. Die BetrachterInnen gingen und gehen sofort davon aus, das Abgebildete gebe es tatsächlich, und zwar in genau jener Form, welche auf dem Foto zu sehen ist. Mit dem Aufscheinen der Bauten auf den Fotografien gilt ihre Existenz als erwiesen. Auch in der heutigen Zeit, in der in unserer Kultur das Wissen über die Einfachheit der Bildmanipulation und -bearbeitung Verbreitung gefunden hat, ist man geneigt, den fotografischen Abbildungen das Vertrauen zu schenken. Auf retuschierte, manipulierte Bilder trifft man überall. Immer öfter tauchen Videos auf, die den ganzen Vorgang der Veränderung in seiner gesamten Leichtigkeit den faszinierten ZuschauerInnen darbieten. Bewunderung wird hervorgerufen, und keine Spur der Verwunderung ist zu merken. Alles wird verarztet, ein bisschen schöner, ein bisschen perfekter gemacht. Davon bleibt auch die klassische Auftragsarchitekturfotografie nicht verschont. Aber wie viel Realität steckt noch in diesen dokumentarischen Fotografien? Und wie gehen die freischaffenden FotografInnen mit der Wirklichkeit um?

Doch es stellt sich zuerst die Frage: Was ist nun Architekturfotografie? Die Klärung dieses Begriffs fällt nicht leicht, denn er ist
wandelbar und unterliegt historischen sowie kulturellen Veränderungen. Im Wesentlichen kann man die Architekturfotografie als Überbegriff für eine Fülle an Fotografien betrachten. Und es kann hier zwischen einer engen und weiten Bedeutung unterschieden werden, um die Komplexität des Begriffs zu erfassen.(1)

Die enge Bedeutung des Begriffs bezieht sich auf die klassische Auftragsarchitekturfotografie und stellt die Gebrauchsfunktion dar. Das Medium dient hier der sachlichen Dokumentation, welche im Auftrag von ArchitektInnen stattfindet, wobei die FotografInnen ihren inhaltlichen Einfluss auf ein Minimum reduzieren müssen (Abb. 02). Da dieses Verständnis der Architekturfotografie aber nicht ausreicht, um alle vorhandenen Beispiele in sich zu vereinen, muss der Begriff ausgeweitet werden. Hier gibt es nun Platz für jene Fotografien, die ohne Auftrag entstanden sind; welche die Ideen der FotografInnen in den Vordergrund stellen; solche, die zwar Architektur zeigen, jedoch auf diesem Weg außermotivische Themen behandeln; et cetera. Mit anderen Worten: Die weite Bedeutung des Begriffs beherbergt die inhaltliche und formale Vielschichtigkeit sowie alle unterschiedlichen Haltungen und Interessen. Sie ist nicht mehr homogen wie die enge Bedeutung, sondern vielfältig und -schichtig und teilweise auch widersprüchlich (Abb. 03-05).

Die Definition des Begriffs "Architekturfotografie" zeigt auf: Jene verbirgt meist sehr viel mehr, als die bloße Oberfläche zu zeigen vermag. Es werden ähnliche Themen in sehr verschiedenartiger Weise behandelt, aber auch einander formal ähnelnde Fotografien vorgestellt, welche völlig verwandtschaftsfreie Inhalte vermitteln.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den LeserInnen und potenziellen BetrachterInnen die Tiefen der Architekturfotografie aufzuzeigen und im wünschenswertesten Fall Interesse für dieses Genre zu wecken. Die vermeintliche visuelle Einfachheit kann die RezipientInnen irreführen, jedoch sollten sie sich nicht dazu verleiten lassen, das Foto eines Gebäudes nach einer kurzen Betrachtung als restlos verstanden zu sehen. Dieses Bewusstsein ist wichtig: für die FotografInnen, die ArchitektInnen und die KonsumentInnen der Fotografie sowie der Architektur.

(1) Siehe dazu Annette Emde, Thomas Struth - Stadt- und Straßenbilder. Architektur und öffentlicher Raum in der Fotografie der Gegenwartskunst, Marburg 2008.
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