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Marlene
Wagner
A Place Under the Sun for Everyone (ARCH)
A Place Under the Sun for Everyone. Planungsgrundlagen für integrative Stadtplanung und angepasste Architektur anhand der Analyse formeller und nichtformeller Raumpraktiken in der Satellitenstadt Cosmo City, Johannesburg
Anleitung zur Wahrnehmung räumlicher Muster, zu Siedlungsdynamiken und Aneignungsprozessen für semiformelle Planungskonzepte in stark selbst gestalteten Räumen der urban poor Südafrikas.
Ziel dieser Arbeit ist es, aus dem eigenen Kontext der "gewachsenen Stadt" Raumpraktiken und Raummuster der "geplanten Stadt" und der "ungeplanten Stadt" zu analysieren. Durch das Aufzeigen von Potenzialen nichtformeller Strukturen, von vorhandenen Kapazitäten und von Bedürfnissen der BewohnerInnen können semiformelle Planungskonzepte für integrative Stadtplanung und angepasste Architektur in "strukturschwachen Gebieten" generiert werden.

Laut des UN-Reports State of the World's Cities 2010/2011 führen südafrikanische Städte die Liste der "most unequal cities" an. Seit meinem ersten Aufenthalt in Orange Farm, einer Township im Süden von Johannesburg, im Rahmen eines "Design-Build"-Projektes der TU Wien im Jahr 2006 bin ich von der enormen räumlichen Divergenz zwischen "haves and have-nots" innerhalb einer Metropole fasziniert.

Cosmo City, das Vorzeigewohnbauprojekt Johannesburgs und mein Untersuchungsfeld, widmet sich der hohen Nachfrage an erschwinglichem Wohnraum für den Mittelstand, die Einkommensschwachen und die urbanen Armen im Nordwesten der Metropole. Dabei soll das Verfassungsrecht auf adäquate Unterkunft für alle SüdafrikanerInnen eingelöst und gleichzeitig die integrative Interaktion zwischen unterschiedlichen Einkommensklassen gefördert werden. Historisch bedingt, sind in Südafrika Formen von selbst- und fremdbestimmter Exklusion durch "behavior settings" und soziale Skripte gesellschaftlich stark verankert und verhindern mögliche Interaktionen mit anderen Milieus. Eine erste Annäherung an lokale räumliche Praktiken und Muster erfolgt durch die Betrachtung essenzieller Beispiele zu Wohnraum, Stadt und Freizeit im Großraum des Entwicklungsgebiets.

Meiner Raumstudie im Wohnbaugebiet geht eine Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der "urban poor" im südafrikanischen Kontext voraus: Definitionen, Forschungserfahrung und Grundsätze zu Bedürfnissen und Zusammenhängen, Gesetze und Rolle des Staates, Entwicklungen und Planungskonzepte. Dadurch soll Basiswissen für die Analyse lokaler Raumpraktiken und -muster gebildet und der Kontext südafrikanischer Wohnbauentwicklung erörtert werden.

Mit einem Forschungsaufenthalt in Cosmo City Anfang 2009, ermöglicht durch das Stipendium der TU Wien für kurzzeitiges wissenschaftliches Arbeiten im Ausland, wurde das nötige Wissen erarbeitet, wurden Prozesse untersucht. Viereinhalb Jahre nach Spatenstich und dreieinhalb Jahre nach der ersten Besiedelungsphase konnten somit die Entwicklungen der Stadt vor Ort beobachtet und Gespräche mit diversen Beteiligten geführt werden. Das Gebiet bietet außergewöhnliches Potenzial, einerseits die formellen, geplanten Topdown-Wohnbaustrategien des südafrikanischen Staates und seiner PlanerInnen zu untersuchen und andererseits die "ungeplanten" respektive nichtformellen Bottom-up-Raumprozesse zu analysieren.

In der Studie wird das Lesen der räumlichen Anordnungen und deren eingeschriebener Verhaltensweisen im unbekannten kulturellen Kontext und Milieu erlernt. Dieses Grundvokabular dient der Erkennung wiederkehrender Muster, welche durch korrelierende Interpretation von Größe, Form und Funktion in Kategorien eingestuft und zu Typologien (von Attraktoren) formuliert werden können. Diese bilden signifikante Stadtmuster zwischen formeller und nichtformeller Raumgestaltung. Das erarbeitete Wissen soll - wie von staatlichen Wohnbaugesetzen, universitärem Diskurs und NGOs gefordert - neue Ansätze im Umgang mit informellen Siedlungen und Gebieten, schwach an formeller (Infra-)Struktur, anregen. Der Schwerpunkt muss im Überdenken von Landwidmung, Bebauungsplan und Baunormen für diese durch fehlende formelle Kapazitäten stark selbst gestalteten Räume liegen. Die Arbeit ist Ausgangspunkt für weiterführende aktive Forschung und Intervention im Gebiet semiformeller, regierender Planung innerhalb sich ständig modifizierender Systeme.
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